EU-weites Bekenntnis zum Erdgas nötig! Deutschlands Versorgungssicherheit im Lichte der Ukraine-Russland-Krise

Artikel 3e 3/2014Die Sorge wächst, dass der Transit von russischem Erdgas über die Ukraine gefährdet sein könnte: Sollte die Situation in der Ostukraine eskalieren, könnte sich auch die Spirale von Sanktionen zwischen Russland und dem Westen weiterdrehen. Was, wenn dann Russland seine Gaslieferungen als politisches Druckmittel gegen Europa einsetzt? Zwar sollte die ökonomische Vernunft überwiegen, aber gleichzeitig haben sich die politischen Beziehungen erheblich verschlechtert.

Russland ist Hauptlieferant

Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas liegt bei 38 Prozent. Es gelangt über drei große Pipelines von Russland nach Deutschland. Durch die Ukraine verläuft der größte Transportkorridor, über den knapp die Hälfte der jährlichen russischen Erdgasexporte von 160 Mrd. Kubikmetern nach Europa geleitet wird. Wegen ausstehender Zahlungen an Russland bekommt die Ukraine seit Mitte Juni 2014 kein Gas mehr für den Eigenbedarf. Nun besteht Sorge, dass sie die Transitmengen Mitte des Winters anzapft, denn dem Land droht eine Energiekrise.

Fällt der ukrainische Korridor aus, sind die Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee mit 55 Mrd. Kubikmetern Kapazität und die Jamal-Pipeline mit 33 Mrd. Kubikmetern durch Belarus und Polen die Alternativrouten nach Deutschland. Deutschland könnte darüber ganz gut versorgt werden. Aber ein Ausfall des ukrainischen Transits würde die Slowakei, Bulgarien und auch Italien treffen.

Wegen der Annexion der Krim und der Destabilisierung des ukrainischen Ostens durch Russland möchte Europa der Ukraine in einer Gaskrise beistehen. Das Land wird schon jetzt über Polen, Ungarn und die Slowakei beliefert. Allerdings werden dafür russische Gasmengen umgeleitet. Dagegen hat Russland massive Vorbehalte geltend gemacht. Seit September schränkt es nun Gaslieferungen vor allem an die Länder ein, die die Ukraine beliefern.

Alternative Lieferanten

Neben den 38 Prozent aus Russland bezieht Deutschland 26 Prozent aus den Niederlanden, 20 Prozent aus Norwegen, 10 Prozent aus eigener Produktion und die restlichen sechs Prozent aus Großbritannien, Dänemark und anderen Ländern. Norwegen hat begrenzte Spielräume, um die Lieferungen zu erhöhen. Die Niederlande haben dieses Jahr eine Produktionsgrenze von 40 Mrd. Kubikmeter jährlich für das Groningenfeld beschlossen. Dort wie auch in Deutschland wird immer weniger eigenes Erdgas gefördert. So wächst die Importabhängigkeit.

Eine weitere Alternative ist verflüssigtes Erdgas (LNG). Da Deutschland aber kein eigenes Terminal besitzt, müsste es LNG über Anlandeterminals seiner Nachbarn beziehen. Europa hat große LNG-Kapazitäten von über 197 Mrd. Kubikmetern, die aber nur zu einem Viertel ausgelastet sind. Häufig sind die Terminals nicht gut mit dem grenzübergreifenden Gasnetz verbunden.

Das kurzfristig freie LNG-Angebot weltweit ist mit 60 Mrd. Kubikmetern im Jahr knapp. Außerdem ist dieses LNG teuer, da im asiatischen Spotmarkt im Winter 2013/14 der Preis doppelt so hoch war wie in Europa. Also müsste beim Umlenken nach Europa die Differenz plus Aufschlag gezahlt werden. Vorschnelle Hoffnungen werden auch auf US-Schiefergas gesetzt. Dieses wird frühestens 2016 exportiert – nach Japan und Südkorea. Ab dann wird sich weltweit das LNG-Angebot erheblich erhöhen, auch durch Lieferungen aus Australien. Aber diesen Winter bietet das keinen ausreichenden Ersatz für russisches Gas.

Mittelfristig also spielen auf dem zu über 80 Prozent pipelinegebundenen europäischen Gasmarkt die traditionellen Lieferländer Norwegen, Russland und auch Algerien weiterhin eine Schlüsselrolle. In Nordafrika selbst aber steigt die Nachfrage rasant. Langfristig gibt es theoretisch für die EU viele Möglichkeiten zu diversifizieren, da die großen Vorkommen alle in einem Umkreis von 3.500 km liegen: im östlichen Mittelmeer, in Aserbaidschan, Turkmenistan, im Iran, im Nordirak und in Afrika. Eine gezielte Diversifizierung dauert jedoch je nach Option Jahre oder gar mehr als eine Dekade – und sie ist sehr teuer. Kurz- und mittelfristig führt an Russland kein Weg vorbei.

Krisenbeständigkeit

Im Gasmarkt reicht es nicht mehr aus, allein auf Deutschland zu schauen. Im EU-Binnenmarkt gilt Solidarität bei Energiekrisen, so dass Deutschland auch einspringen sollte, wenn EU-Nachbarländer betroffen sind.
Die Krisenbeständigkeit muss allerorts analysiert und verbessert werden. Deswegen hat die EU-Kommission sogenannte Stresstests angeordnet. Anfang Oktober waren die Gasspeicher der EU mit über 90 Prozent gut gefüllt. Deutschlands Gasspeicher können mit 22 Milliarden Kubikmeter weit mehr als ein Viertel des deutschen Jahresbedarfs decken. Allerdings haben die Nachbarländer niedrigere Speicherkapazitäten, so dass die Speichermengen in Deutschland auch zu Lieferungen in die EU genutzt werden. Dabei unterscheiden sich die Verbrauchsmuster für Gas in Europa erheblich. Im Notfall können Industriebetriebe schließen, Kraftwerke und Heizungen aber sollten betrieben werden. In Deutschland hatte Erdgas 2013 immerhin einen Anteil von 22,5 Prozent am Energiemix. Knapp 50 Prozent des deutschen Wärmebedarfs und 10,5 Prozent der Stromerzeugung werden durch Gas gedeckt. Für die Endverbraucher zählt, dass sie ›geschützte Kunden‹ sind, die vorrangig beliefert werden müssen. Auch werden Preisspitzen über Endverbrauchertarife abgefedert.

Fazit

Die Gasversorgung in Deutschland wie in der EU muss krisenbeständiger werden, dazu gehören die weitere Vernetzung und der sinnvolle Ausbau und Einsatz von Speichern im Binnenmarkt. Energieeinsparungen und Effizienz sowie auch eine schrittweise Diversifizierung sind entscheidende Schritte. Das aber setzt ein EU-weites Bekenntnis zum Energieträger Gas voraus. Die Krise jedoch birgt die große Gefahr, dass Erdgas gegenüber der Kohle weiter an Anteilen verliert. Für das Klima wäre das eine schlechte Nachricht, denn Erdgas bleibt für eine Energiewende ein wichtiger Baustein.

Die Autorin: Dr. Kirsten Westphal
Dr. Kirsten Westphal ist Wissenschaftlerin in der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) – Deutsches Institut für Politik und Sicherheit in Berlin. Sie arbeitet dort in der Forschungsgruppe ›Globale Fragen‹ zu Internationalen Energiebeziehungen und Fragen der Energiesicherheit. Die SWP berät und informiert den Bundestag und die Bundesregierung anhand eigener Forschung und Expertise in allen Fragen deutscher Außen- und Sicherheitspolitik.

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